Ein Interview von Michael Staub mit Daniel Styger, Präsident GWWK

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Im Rahmen der Energiewende muss die Schweizer Stromproduktion vielfältiger, naturverträglicher und dezentraler werden. Mit Wasserwirbelkraftwerken sollen die widersprüchlichen Ziele vereinbar werden. Daniel Styger, Präsident der GWWK, sieht gute Marktchancen für die junge Technik.

Wasserkraft wird derzeit vor allem in Form von Pumpspeicherkraftwerken wie Linth-Limmern oder Nant de Drace wahrgenommen. Welche Vorteile bieten die wesentlich kleineren Wasserwirbelkraftwerke?
Mit solchen Goliaths können wir sicherlich nicht verglichen werden. Unsere Anlagen besetzen jedoch ein interessantes Marktsegment, weil sie sich zur Renaturierung und Revitalisierung verbauter Fliessgewässer eignen. Das betrifft mehr als 4500 Kilometer der Schweizer Flusslandschaft. Das seit 2011 gültige Gewässerschutzgesetz verlangt die Revitalisierung solcher Landschaften. Das jährliche Ausgabenvolumen des Bundes für diese Massnahmen beläuft sich auf 40-110 Millionen Franken, je nach Projektausprägung und das mindestens für die nächsten 80 Jahre.

Welchen Bezug gibt es zwischen Revitalisierung und Stromerzeugung?
Bei den Projekten der GWWK sind Renaturierung, Revitalisierung und Stromproduktion untrennbar miteinander verbunden. Wir bauen keine Anlage, ohne gleichzeitig den Flusslauf zu renaturieren. Und wir revitalisieren keine Landschaft, ohne gleichzeitig eine Anlage zu erstellen. Das rechnet sich auch finanziell. Die Produktion eines Kleinwasserkraftwerks lässt sich dank der Unterstützung aus der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) zu einem garantierten Preis verkaufen. Dieser Ertrag übersteigt den Aufwand für die Renaturierung, was heisst, dass auch die Investition amortisiert werden kann.

Sie sprechen von Anlagen statt Kraftwerken, und die GWWK will sich neuerdings Genossenschaft für «Wasserwirbelkonzepte» statt «Wasserwirbelkraftwerke» nennen. Der Strom wird doch nach wie vor in einem Kraftwerk erzeugt. Weshalb diese Umbenennung?
Die bisherige Kommunikation hat zu verschiedenen Missverständnissen geführt. Erstens denkt man bei «Kraftwerk» vor allem an Grossanlagen wie Speicher- oder Laufwasserkraftwerke. Im Vergleich mit diesen Giganten neigt man dazu, Stromproduktion und Wirkungsgrad unserer Anlagen kleinzureden. Zweitens gibt es in der Naturschutz- und Fischereibewegung grossen Widerstand gegen konventionelle Wasserkraftwerke, in deren Turbinen zahlreiche Fische verenden. Unsere Anlagen sind aber fischsicher und sollten nicht als «Mixer» missverstanden werden. Drittens geht es um den Kontext, in dem eine Wasserwirbelanlage steht.

Sie meinen die Renaturierung?
Ja, aber nicht nur. Ein konventionelles Kraftwerk steht vor allem für die Stromerzeugung in der Landschaft. Historisch bedingt, wurde vor allem auf eine maximierte Stromproduktion geachtet. Die Anpassung dieser Anlagen an aktuelle Erfordernisse, zum Beispiel mittels Fischtreppen oder Fischpässen, ist deshalb oft sehr aufwendig. Bei unseren Konzepten geht es dagegen von Anfang an um die Einbindung von Flora und Fauna, um die Renaturierung von Fliessgewässern, und nicht zuletzt um einen finanzierbaren Beitrag zur Energiewende. Auch deshalb sprechen wir von Konzepten statt Kraftwerken, damit die Trias von Renaturierung, Fischgängigkeit und Stromproduktion klarer wird.

In Schöftland betreiben Sie seit 2010 einen Prototypen, der gleichzeitig als Labor für die Weiterentwicklung der Wasserwirbeltechnik dient. Wo stehen Sie derzeit?
Der Trog ist noch derselbe, doch die Technik steht schon in der dritten Generation. Wir haben empirisch gelernt und wissen jetzt zum Beispiel, dass zuerst der Trog gebaut und der entstehende Wirbel analysiert werden muss. Erst dann geht es um die Dimensionierung und Einpassung des Rotors. Die aktuelle Lösung umfasst neben Stahl- neu auch Composite-Teile, zudem haben wir als Generator neu einen Langsamläufer ohne Getriebe. So können wir auch mit lediglich 20 Umdrehungen pro Minute ausreichend Strom produzieren und haben den Wirkungsgrad weiter gesteigert.

Wie viele Anlagen gibt es heute in der Schweiz?
Die Anlage in Schöftland läuft seit 2009. Für drei weitere Anlagen sollten wir bald die Konzession erhalten. Es gibt weitere 30 Projekte: Für 14 davon haben wir bereits die KEV-Zusage erhalten und arbeiten nun an der Finanzierung. Neben uns Genossenschaftern steigen nun erstmals auch grosse Investoren ein, darunter verschiedene Pensionskassen. Über die KEV-Förderung von weiteren 16 Projekten wird derzeit entschieden.

Welche Investition ist für eine durchschnittliche Anlage notwendig, und welches sind die grössten Posten?
Im Schnitt rechnen wir mit einer bis eineinhalb Millionen Franken. Sobald ein Projekt die KEV-Zusage erhalten hat, machen wir uns an die Finanzierung. Die GWWK legt grosses Gewicht auf eine saubere, nachvollziehbare Planung gemäss SIA-Norm. Deshalb entfallen etwa 20 bis 30 Prozent der Bausumme auf die Planungsphase. Weitere 20 bis 50 Prozent beansprucht der eigentliche Wasserbau.

Über den Sinn und die Ausgestaltung der KEV wird derzeit gestritten. Die Bürgerlichen sprechen von einer Marktverzerrung durch Subventionen, im Fokus stehen vor allem Photovoltaik, Windenergie und Geothermie. Wie komfortabel ist die Situation für Ihre Wasserkraftanlagen?
Da es für Wasserkraftwerke einen eigenen KEV-Topf gibt, haben wir eine ausreichende Sicherheit. Da wir gleichzeitig Wasserbau machen und kleine Fallhöhen ausnutzen, erhalten wir einen zusätzlichen KEV-Bonus. Nach unseren neusten Berechnungen könnten wir den Strom aus unseren Wasserwirbelanlagen sogar direkt verkaufen, ohne auf die KEV angewiesen zu sein. Unsere Anlagen sind innerhalb von etwa 10 bis 15 Jahren amortisiert, konventionelle Kraftwerke rechnen dagegen mit 20 bis 30 Jahren. Wenn man die Kosten der Renaturierung herausrechnet, ist eine Wasserwirbelanlage sogar innerhalb von 6 bis 7 Jahren am Break-even angelangt.

Erneuerbare Energiequellen leiden oft an einem Standortproblem. Besonders windreiche Berghänge liegen zum Beispiel fernab der nächsten Hochspannungsleitung. Wie gut funktioniert die Einspeisung aus Wasserwirbelanlagen?
Da wir die Anlagen nur an verbauten Flüssen erstellen, ist die Einspeisung in das bestehende Leitungsnetz möglich. Die Distanzen für den Leitungsbau sind überschaubar. In Schöftland mussten wir zum Beispiel nur 150 Meter Leitung bauen.

Ein wichtiges Argument für Ihre Anlagen ist die Fischgängigkeit. Die Tiere können den Rotor unbeschadet durchschwimmen, und das Gewässer bleibt in beide Richtungen passierbar. Wäre es nicht sinnvoll, Wasserwirbelanlagen vermehrt als «Fischtreppe plus Strom» zu positionieren, etwa bei bestehenden Laufwasserkraftwerken?
Aus unserer Sicht wäre das sehr sinnvoll. Bei konventionellen Anlagen suchen Fische die Hauptströmung, und die führt leider zur Turbine. Die «fischfreundlichen» Rechen können das Problem teilweise, aber nie gänzlich lösen, die Mortalität ist immer noch hoch. So gesehen wäre eine Wasserwirbelanlage der ideale Fischpass. Leider stossen wir bei den Kraftwerkbetreibern nicht auf Gehör. Ihre eigenen Anlagen weisen Wirkungsgrade von 80 bis 90 Prozent auf, da werden unsere 50 Prozent glatt belächelt. Ich bin aber überzeugt, dass sich unsere Anlage trotzdem rechnen würde. Das jährliche Ausbaggern des Geschiebes vor den Rechen kostet Unsummen. Dieses Geld kann man sich bei einer Wasserwirbelanlage sparen.

Der Wirkungsgrad wird von Kritikern immer wieder genannt. Es heisst, er reiche einfach nicht aus.
Ich finde, dass der Vergleich fair sein sollte. Unsere Anlagen dienen ja nicht nur der reinen Stromproduktion, sondern bringen auch der Natur und der Fischpopulation belegbare Vorteile. Eine normale Fischtreppe oder ein Wehr produzieren überhaupt keinen Strom. Insofern kann man unsere Anlagen mit der Photovoltaik vergleichen: Der Wirkungsgrad mag noch nicht optimal sein, aber immerhin gewinnen wir Energie, die sonst ungenutzt verloren geht.

Wie einfach ist die Realisierung von Standalone-Anlagen?
Wir führen für jedes Projekt auf freiwilliger Basis eine Umweltverträglichkeitsprüfung durch, diese wurde bisher jedes Mal mit Bravour bestanden und ist ein gutes Argument. Um die Planung und den Bau zu vereinfachen, streben wir jedoch ein vereinfachtes Verfahren an. Uns schwebt ein Modell nach dem Muster der Typenprüfung vor: Was einmal gründlich geprüft und bewilligt wurde, kann dann rascher gebaut werden. Das Potenzial ist vorhanden: Die Anlage in Deutschland, die wir zusammen mit unserem Forschungspartner (www.fischfreundlicheswehr.de) betreiben, ist seit 2013 in Betrieb und erhält EU-Fördergelder.

Wie viel Überzeugungsarbeit ist notwendig?
Das variiert von Standort zu Standort. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die relevanten Umweltverbände und Interessengruppen von Anfang an ins Boot zu holen. Mit dem WWF, den Fischer- oder Vogelschutzverbänden pflegen wir eine enge und gute Zusammenarbeit. Je nach Kanton ist der Instanzenweg verschieden. Im Kanton Graubünden entscheidet zuerst die Gemeinde über die Bewilligung, danach der Kanton. Im Kanton Aargau ist es genau umgekehrt. Die Arbeit lohnt sich, benötigt jedoch viel Zeit. Wir hoffen deshalb, dass sich die unbestreitbaren Vorteile unserer Anlagen mit der Zeit herumsprechen.

Was macht die Genossenschaft?
In eigene Projekte haben wir bisher über drei Millionen Franken investiert. Das Kapital stammt aus Anteilscheinen und Darlehen unserer Genossenschafter. Daneben machen wir Studien für Dritte, wir vermarkten den Strom der Anlage in Schöftland. In den letzten Jahren haben wir die Technologie mit unserem Forschungspartner (www.fischfreundlicheswehr.de) zur Marktfähigkeit entwickelt, jetzt gehen wir auf die Piste. Wir möchten den Sitz von Schöftland nach Aarau verlegen, damit wir aus der ganzen Schweiz gut erreichbar sind. Und ab Mitte Jahr werden wir am Cleantech-Stand in der Umweltarena Spreitenbach vertreten sein. Es geht also zügig vorwärts.

Wasserwirbelanlagen sind Low-Tech im positiven Sinn, weil sie wenig Unterhalt benötigen. Wie sieht es mit der internationalen Vernetzung aus?
Es gibt viele Anfragen aus dem Ausland. Seit gut eineinhalb Jahren kooperiert die GWWK auch mit der Firma green-cube.org, so können wir Projekte in Kirgistan, Japan oder der Türkei begleiten. Gerade in Ländern, die noch nicht stark entwickelt sind, gibt es ausgezeichnete Möglichkeiten, um mit wenig Aufwand eine Wasserwirbelanlage zu installieren, etwa in Bewässerungskanälen in Kirgistan. Zudem hilft das tiefere Anspruchsniveau, um die Effizienz markant zu steigern. Mit der Stromproduktion einer Wasserwirbelanlage können wir in der Schweiz vielleicht 20 Haushalte versorgen, dort sind es eher 200. Die dezentrale Stromversorgung, die man in Westeuropa jetzt mühsam aufbauen muss, ist dort wesentlich einfacher zu realisieren. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass sich die Anlagen auch in Schwellen- oder Entwicklungsländern durchsetzen werden.

 

März 27, 2014

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